Better world

Ich durfte sie kennenlernen, die bessere Welt und jetzt - zurück auf deutschem Boden -frage ich mich vor allem eines: was machen wir hier nur????

Indien ist groß, trubelig, schmutzig, chaotisch, wahnsinnig, verrückt, gigantisch und unbegreiflich. Aber zwischen alledem habe ich Indien mit dieser Reise auch vollkommen anders kennenlernen dürfen: besinnlich, tiefsinnig, voller Herzenswärme, ruhig, dankbar und ehrfurchtsvoll.

Nach einem schlaflosen Flug wegen eiskalter Aircondition fuhr ich mit dem Taxi zu meinem Hotel – und war gleich mittendrin: im Verkehrschaos, in der lauten Huperei, in der Hitze und dem Staub der Stadt. Dennoch: auch wenn das hundertste Auto Stoßstange an Stoßstange auf die verstopfte Kreuzung auffuhr sah ich nicht einen einzigen Autofahrer, der dem anderen den Vogel gezeigt hat, der laut schimpfend hinterm Steuer saß, oder sich in irgendeiner Art und Weise nervös zeigte. Es wird schon. 

Und es wurde auch. Schneller und vor allem: weniger nervenaufreibend als hier! Dass sich ein Inder wirklich aufregt habe ich tatsächlich nicht ein einziges Mal erlebt. Keiner hat eine Zornesfalte im Gesicht und hängende Mundwinkel. Und dabei ist das Leben dort garantiert nicht leichter!

Angekommen im Hotel (ich bleib nur eine Nacht und habe leider die Besenkammer erwischt – das Fenster konnte ich nicht öffnen, da sich ein Taubenschlag davor befand, die Dusche lud mich nicht wirklich zum FRISCHMACHEN ein, das Licht war dämmrig, das Bett habe ich erst einmal mit meinen mitgebrachten Tüchern abgedeckt)  ruhte ich mich ein wenig aus und sah mir anschließend meine neue „hood“ an, aß mein erstes Butter Paneer, trank den ersten Chai, den ersten Lassi, und kam ein wenig an.

Am folgenden Tag fuhr ich früh morgens um sechs Uhr in den Norden in den Ashram, von dem ich nicht mehr wusste, als eine kleine Webseite verriet. Ich erwartete eine erholsame Zeit, Yoga, zu-mir-finden, Ruhe. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet im Paradies zu landen!

Aber schon als das Ganesha-geschmückte Tor aufging eröffnete sich eine Welt, die ich niemals vermutet hatte: ein sattgrüner Garten inmitten wunderschöner Gebäude, zwitschernde Vögel, Hunde zum STREICHELN, lichtdurchflutete Yogaräume, den Ganges direkt vor der Nase – und Menschen, die einen vom ersten Augenblick an haben spüren lassen: Du bist hier richtig.

Dieses Gefühl sollte sich in den nächsten zehn Tagen immer mehr verstärken. Neben wirklich wunderbaren, bereichernden Yogastunden, einer köstlichen Ayurvedischen Küche, herrlichen Stunden des Nichtstuns, oder Lesens, oder Herumspazierens im  Garten, klangvollen Mantren, die das Herz berührt haben, Sonnenaufgängen zum Dahinschmelzen, Ausflügen in die Umgebung, war es vor allen Dingen eines, was mich sehr zum Nachdenken gebracht hat: die tiefe Zufriedenheit und Freude, das unbeschwerte Wesen und die innere Freiheit von Ganga, Alaknanda und Mandakini – den drei Kindern, die das Erbe ihrer Eltern, des Gurus „Babaji“ & dessen Frau „Matajii““, im Ashram weiterleben.

Sie alle leben auf bewundernswerte Weise im Einklang mit der Natur. In all ihrem Tun und Handeln spiegelt sich diese Haltung wider, bei der sie sich niemals über alles stellen würden! Sie gliedern sich ein, respektieren und achten, schätzen Wert und hören hin – alles Dinge, die in unserer westlichen Welt vollkommen verloren gehen. Aber genau das ist es, was sie glücklich macht – und was uns allen hier gänzlich flöten geht.

Nein, es liegt nicht an unserer fehlenden Zeit, unseren ganzen Verpflichtungen, dem Geld-verdienen-müssen. Es liegt einzig und allein an unserer Sichtweise. Am Verschlossen-sein gegenüber den kleinen Dingen, am fehlenden Hinhören & -sehen.

Was wir im Außen suchen suchen sie im im Innen. Was wir im Materiellen suchen suchen sie im Spirituellen. Was wir bei Anderen suchen suchen sie bei Sich! Und was sie dadurch erhalten ist ein Reichtum, den man in ihren Augen leuchten sieht, der ihre Herzen fühlen und ihr Leben genießen lässt, wie man es hier bei uns bei so gut wie niemandem sehen kann.

Wie ist das möglich? Wie konnten sich so derartig unterschiedliche Kulturen entwickeln? Warum haben wir niemals die Handbremse gezogen? Spätestens dann, als wir merkten, dass uns unsere Einstellung zum Leben nicht erfüllt? Diese Fragen plagen mich unaufhörlich und es ist schmerzlich wieder all den unzufriedenen Menschen zu begegnen, die offensichtlich keine Ahnung haben worin die wahre Erfüllung besteht.

Ich will es nie vergessen, wie tiefsinnig und berührend Ganga am Abend nach dem Arati über das Leben mit seinem kaum irdisch-anwesenden Guru-Vater und seiner höchst-spirituellen Mutter sprach, wie Alaknanda beim Ayurveda Workshop anfing aus tiefstem Herzen auf solch unbeschwerte Art und Weise zu lachen, dass sich jeder für immer in sie verliebt hat, wie Dr. Ram mit einem breiten Grinsen darüber sprach, dass sie in Indien einfach alles ehren: die Bäume, den Fluss, die Natur, die Menschen, das Essen. Wie menschen-achtend wir Geburtstage gefeiert haben in einem Raum mit einem riesigen Blüten-Mandala auf dem Boden, um das wir im Kreis herum saßen. Das Geburtstagskind auf einem extra-„Thron“ hinter großer Torte, behängt mit Blumenketten und besungen von schönsten Mantren. Jeder durfte ein Licht für sie entzünden, erhielt eine handvoll bunter Blütenblätter, in die man seine Wünsche als Geschenk hinein geben durfte und welche man anschließend über sie „regnen“ ließ.

 

All das will ich niemals vergessen. Ich bin unendlich dankbar dafür, diese andere Welt gesehen und gefühlt zu haben. Gleichzeitig bin ich unendlich traurig darüber, dass sie hier so gut wie nicht vorhanden ist. Ich werde versuchen all dies immerhin für mich selbst zu bewahren – und auf alle Fälle zu diesem magischen Platz zurück zu kehren!

HARI OM