Gar nichts MUSS

Es ist Sonntag, unser hoffnungsträger Blogtag. Aber schon die zweite Woche, in der kein neuer Blogbeitrag erschienen ist. Warum? Weil ich es gerade satt bin ständig zu MÜSSEN.

Ich bin eine Macherin. Eine, die den Kopf ständig voller Ideen hat, die sie realisieren will.

Schon immer. Das ist gut, wenn es um die Kreativität geht, es macht mich glücklich, das Schmucklabel erfolgreich, mein Leben bunt und auch meine Mitmenschen profitieren ganz gerne mal davon – denn bevor ich irgendjemanden frage, mache ich es schneller selbst. Dennoch macht mich dieser selbst-auferlegte Druck in letzter Zeit ganz schön fertig. Die vielen Ideen und Pläne sind nämlich zu einem unerträglichen Dauerrauschen geworden, was sich gar nicht mehr so gut anfühlt.

Zeit, diese innere Liste, die von Sekunde zu Sekunde länger wird - mit Dingen, die man ganz einfach auch streichen, oder vertagen kann, endlich auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen.

Ohne Frage ist dieser plötzliche Wandel noch immer beeinflusst durch meine kürzliche Indienreise, wo ich Abstand zu Vielem finden konnte, Dinge hinterfragt habe, und die mich an sehr vielen Gewohnheiten zweifeln ließ (nicht nur an meinen Eignenen;-)).

So ein Sonntag ist ja eine perfekte Gelegenheit um sich selbst zu beobachten. Er fängt langsamer und entspannter an als jeder andere Tag, wird aber nach kurzer Zeit oft genau zum Gegenteil. Vor allem, wenn er so gnadenlos verregnet ist wie der Heutige. Die Aussicht  auf einen Tag in der Natur fiel eigentlich schon von vorn herein buchstäblich ins Wasser. Statt dessen – was für eine brillante Idee – begann ich mit meinen Kindern die Zimmer auf den Kopf zu stellen: AUSMISTEN. Zum einen befreiend, zum anderen nützlich, da in zwei Wochen ein großer Flohmarkt bevorsteht.  Also los geht’s.

Nach einigen Stunden zwischen wachsenden Bergen aus Lego, Schleichtieren, Bastelmaterialien, Klamotten und allem möglichen Krempel aber auch nur noch eines: anstrengend. Die Kinder gaben auf, aber ich wollte den Plan zu Ende bringen.  Noch kurz diese Kiste, noch ganz schnell jenen Schrank.... es wurde zwölf, es wurde eins. Die Laune sank. Es wurde immer dringender mit dem Essen, die Mägen hingen in den Kniekehlen.  

Gestern habe ich einen großen Schwung frisches Gemüse im Bioladen gekauft – also schrie mein inneres MUSS „an den Herd! Schnell alles schnibbeln, kochen, Hunger stillen“.

NEIN. STOP! Genauso wie ich das erste MUSS des Tages (das Schreiben des Blogartikels) beiseite geschoben hatte, habe ich auch das Kochen verworfen und statt dessen eine Pizza und Salat bestellt. Uff. Befreiend.

Den Wäscheberg, den ich eigentlich ganz schnell nebenbei kurz sortieren, waschen, zusammenlegen MÜSSTE (und vor kurzer Zeit auch noch ganz schnell sortiert, gewaschen und zusammengelegt HÄTTE) habe ich ebenfalls ignoriert.

So schaffte ich es tatsächlich bis fast fünfzehn Uhr noch immer im Schlafanzug, aber gesättigt & einigermaßen entspannt, zu sortieren, auszuräumen, wegzuwerfen. Der Flur war randvoll mit Säcken und Tüten: Müll & Flohmarkt.  

Das MUSSTE natürlich alles in den Keller und in die Mülltonnen. Aber nicht sofort, sondern irgendwann. In Ruhe. Wenn der Regen etwas nachlässt. Den Hummeln im Kopf zum Trotz;-)

In der Dusche fiel mir der ramponierte Nagellack auf meinen Füssen auf, der die Wattwanderung vom letzten Wochenende nicht so richtig überstanden hatte und den ich eigentlich sofort hätte erneuern müssen. Was soll ich sagen: er leuchtet noch immer bruchstückhaft orange auf meinen Nägeln...

Und jetzt – während die Waschmaschine leise aus dem Nebenraum summt – sitze ich hier und habe plötzlich Lust zu schreiben. Die Kinder müssten schon seit fünfzehn Minuten im Badezimmer sein und ihre Zähne putzen, aber ich bin noch nicht fertig. Die Mails, die während des Tippens immer wieder auf den Bildschirm flattern schaue ich mir morgen an.

Draußen zwitschern die Vögel durchs offene Fenster, der Regen ist vorbei, es wird milder, die Hoffnung auf einen trockenen nächsten Tag liegt in der Luft. Vielleicht setze ich mich sogar noch für zehn Minuten an mein neues Harmonium. Es ist vielleicht nicht ganz so viel erledigt, wie sonst. Aber doch so Einiges.

Es reicht.